// Staat & Steuern

Kein Konto, keine Rente: Wenn „Digitalisierung“ die Ältesten überrollt

Die Deutsche Rentenversicherung schafft die Scheck-Auszahlung ab — Rentner ohne Bankkonto werden zur Digitalisierung gezwungen. Warum das ein Muster ist.

Pete mit Bitcoin-Cap steht mit verschränkten Armen und entsetztem Blick vor einer Betonwand, dahinter ein alter Mann am Stock vor einer Bankfiliale mit heruntergelassenem Rolltor und Schild „Geschlossen“ — Graffiti-Schriftzug „Kein Konto? Keine Rente.“

Diese Meldung geht im Nachrichtenrauschen unter. Für ein paar tausend Menschen ist sie trotzdem die wichtigste des Jahres. Seit Anfang 2026 zahlt die Deutsche Rentenversicherung nur noch unbar — die Auszahlung per sogenannter Zahlungsanweisung, also faktisch per Scheck, gibt es nicht mehr, weil die Deutsche Bank als Nachfolgerin der Postbank diesen Dienst eingestellt hat. Wer seine Rente bisher ohne Bankkonto bezogen hat, braucht zwingend eins. Für die meisten von uns klingt das nach einer überfälligen Verwaltungsmodernisierung. Aber für eine bestimmte Gruppe ist es alles andere als das.

Denn stell dir vor, du bist hochbetagt, vielleicht 90 Jahre alt, und hast dein ganzes Leben lang in bar gewirtschaftet. Kein Konto, kein Online-Banking, nie gebraucht. Und jetzt sagt dir der Staat sinngemäß: Ohne Bankkonto keine Rentenauszahlung mehr. Von heute auf morgen sollen Menschen, die noch nie ein Smartphone in der Hand hatten, sich ein Konto einrichten und verwalten, in vielen Fällen sogar online, weil die Bankfilialen in der Fläche ja gleichzeitig reihenweise geschlossen werden. Verbraucherschützer nennen das ganz offen keine einfache Umstellung, sondern eine erzwungene Digitalisierung.

Und hier liegt der eigentliche Punkt, der über diesen Einzelfall hinausgeht. Es wird uns als Fortschritt verkauft, als Modernisierung, als Effizienz. Aber die entscheidende Frage lautet immer: Fortschritt für wen? Für die Verwaltung, die sich Aufwand spart, ganz sicher. Für die 90-Jährige, die überfordert vor einer geschlossenen Filiale steht und plötzlich zur leichten Beute für Betrüger wird, eher nicht. Die Last dieser Modernisierung wird ausgerechnet denen aufgebürdet, die sich am allerwenigsten dagegen wehren können und am lautesten Unterstützung bräuchten.

Und das ist das Muster, das du erkennen solltest, weil es sich überall wiederholt: „Digitalisierung“ und „Fortschritt“ sind wunderbare Wörter, aber sie sind nie neutral. Es lohnt sich immer die Frage, wer den Nutzen hat und wer die Kosten trägt. Sehr oft läuft der Nutzen nach oben, zur Institution, zum System, und die Kosten, der Stress, die Überforderung, das Risiko, landen unten, bei den Einzelnen. Echter Fortschritt würde die Schwächsten mitnehmen, statt sie einfach zu überrollen und „stell dich halt um“ zu sagen.

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