Der Trick ist so alt wie die Politik selbst, und du kannst ihn gerade live beobachten. Der Bundesfinanzminister tritt vor die Presse und präsentiert einen „Aktionsplan gegen Steuer- und Finanzkriminalität“. Dazu der Satz, der sich besonders gut auf Plakate macht: „Die Ehrlichen dürfen nicht die Dummen sein.“ Klingt entschlossen, klingt gerecht. Und genau deshalb lohnt der zweite Blick.
Zuerst das Offensichtliche, damit hier keine Schieflage entsteht: Steuerbetrug und Finanzkriminalität zu bekämpfen ist richtig. Niemand mit Verstand verteidigt Betrüger. Wer den Staat um Milliarden prellt, gehört verfolgt, das ist überhaupt nicht die Frage. Die Frage ist eine andere, nämlich die nach der Kulisse, vor der dieser Auftritt stattfindet.
Denn während die große Jagd auf die Betrüger verkündet wird, läuft im Hintergrund eine Debatte über eine Finanz-, Schulden- und Rentenpolitik, die kommende Generationen mit historisch hohen Staatsschulden und historisch hohen Sozialbeiträgen belasten wird. Die Jungen zahlen doppelt: für die Schulden von heute und für Beiträge, die immer weiter steigen. Wer laut auf die kleinen Betrüger zeigt, lenkt bequem davon ab, dass die eigentliche, systematische Belastung der Bürger über die große Linie der Finanzpolitik läuft, nicht über die Steuertricks Einzelner. „Haltet den Dieb“ nennt man dieses Manöver: Der Trick des Gauners besteht darin, selbst am lautesten „Dieb!“ zu rufen.
Und das ist der Punkt, um den es hier geht, und es ist ausdrücklich kein Aufruf, irgendeine Partei gut oder schlecht zu finden. Es geht um Medienkompetenz. Wenn dir ein mächtiger Akteur eine einfache, moralisch eindeutige Geschichte anbietet, in der er der Gute ist, der die Bösen jagt, dann ist genau das der Moment, in dem du fragen solltest: Wovon lenkt diese Geschichte gerade ab? Wer profitiert davon, dass ich auf die kleinen Fische starre? Die spannendsten Antworten liegen selten dort, wohin der Scheinwerfer zeigt, sondern im Dunkel drumherum. Genau dorthin lohnt sich der Blick.