// Geld & Inflation

Die „Entlastung“, die keine ist: kalte Progression einfach gerechnet

Die gefeierte Steuerentlastung ist rechnerisch eine verdeckte Steuererhöhung: Der Staat kassiert Milliarden zu viel und gibt nur einen Bruchteil zurück. Die Rechnung.

Pete mit Bitcoin-Cap reißt fassungslos die Arme hoch vor einer Betonwand, rechts zieht eine Hand mit der Aufschrift „Staat“ einem abgewandten Mann Geldscheine aus der Gesäßtasche — Graffiti-Schriftzug „Entlastung?!“

Es gibt eine Kunst, dir etwas wegzunehmen und dich dabei glauben zu lassen, du hättest was geschenkt bekommen. Die Regierung feiert eine große Steuerreform, eine spürbare Entlastung für die Bürger. Rechnet man aber nach, dreht sich die Geschichte komplett um. Es ist keine Entlastung, es ist eine verdeckte Steuererhöhung. Und um das zu verstehen, musst du nur einen einzigen Fachbegriff kennen: die kalte Progression.

Die funktioniert so. Angenommen, dein Lohn steigt, aber nur so weit, dass er die Inflation ausgleicht. Real kannst du dir also kein bisschen mehr leisten als vorher, gleiches Leben, gleicher Warenkorb. Trotzdem rutschst du durch die höhere Zahl auf dem Gehaltszettel in einen höheren Steuertarif und zahlst prozentual mehr Steuern. Das Ergebnis: Du hast auf dem Papier mehr, in der Tasche aber real weniger. Der Staat verdient an einer Gehaltserhöhung, die für dich in Wahrheit gar keine ist. Ein stiller, automatischer Griff ins Portemonnaie, Jahr für Jahr.

Und jetzt kommt die Zahl, die wütend macht. Nach Berechnungen von Finanzpolitikern der Koalition selbst knöpft der Staat den Beschäftigten durch diesen Effekt bis zu 8,8 Milliarden Euro zu viel ab. Die Regierung will davon aber nur rund 3 Milliarden ausgleichen. Die Differenz, fast 6 Milliarden Euro, bleibt einfach in der Staatskasse. Genau dieses Behalten von Geld, das dir eigentlich zu viel abgenommen wurde, wird dann in Pressekonferenzen als „Entlastung“ verkauft. Man gibt dir einen kleinen Teil dessen zurück, was man dir sowieso zu viel genommen hat, und erwartet dafür auch noch Applaus.

Und das ist der Punkt, ausdrücklich ohne Partei-Brille, denn das Schöne an diesem Fall ist, dass sich niemand rausreden kann: Ausgeheckt wurde die Sache im Finanzministerium, und getragen wird sie von der Koalition gemeinsam, über die Parteigrenzen hinweg. Erst als die Öffentlichkeit empört war, begannen dieselben Leute, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Für dich heißt das nur eins: Wenn dir das nächste Mal eine „Entlastung“ verkauft wird, greif zum Taschenrechner. Die entscheidende Frage ist nie, was vorne gefeiert wird, sondern was hinten, leise und über einen anderen Kanal, gleichzeitig wieder abgezogen wird. Fast immer bleibt unterm Strich weniger übrig, als auf dem Plakat stand.

// TIEFER EINSTEIGEN

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