Es gibt Momente an den Finanzmärkten, die auf den ersten Blick jeder Logik zu widersprechen scheinen. Da meldet die US-Wirtschaft plötzlich hervorragende Zahlen, etwa einen boomenden Arbeitsmarkt mit weit mehr neuen Jobs als erwartet, und statt dass die Kurse vor Freude nach oben schießen, passiert das genaue Gegenteil: Bitcoin fällt, Gold gibt nach, die Stimmung kippt. Man reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, ob die Welt verrückt geworden ist. Ist sie nicht. Dahinter steckt eine eiskalte, aber vollkommen nachvollziehbare Logik, und wer sie einmal verstanden hat, versteht damit einen der wichtigsten Mechanismen der gesamten modernen Finanzwelt.
Um das Rätsel zu lösen, dürfen wir nicht auf die Wirtschaftsdaten selbst schauen, sondern müssen fragen, was diese Daten für eine ganz bestimmte, unfassbar mächtige Institution bedeuten: die US-Notenbank, die Federal Reserve. Diese Notenbank hat einen Hebel in der Hand, der praktisch alle Märkte der Welt bewegt, nämlich den Leitzins, vereinfacht gesagt den Preis des Geldes. Und ihre Entscheidung, ob sie diesen Zins senkt, hält oder anhebt, hängt entscheidend davon ab, wie es der Wirtschaft geht. Läuft die Wirtschaft schlecht, senkt die Notenbank die Zinsen tendenziell, um sie mit billigem Geld anzukurbeln. Läuft die Wirtschaft dagegen heiß, mit vielen Jobs und steigenden Löhnen, dann sieht sie keinen Grund, die Zinsen zu senken, und hält sie hoch oder erhöht sie sogar, um eine Überhitzung und damit Inflation zu bremsen. Merke dir diese Kette, sie ist der Schlüssel: starke Wirtschaftsdaten bedeuten für den Markt „die Zinsen bleiben hoch oder steigen“.
Jetzt fehlt nur noch das letzte Glied, und das Paradoxon löst sich vollständig auf: Warum sind hohe Zinsen schlecht für Bitcoin? Ganz einfach, weil hohe Zinsen die langweiligen, sicheren Anlagen wieder attraktiv machen. Wenn du für dein Geld auf einem simplen Tagesgeldkonto oder mit todsicheren Staatsanleihen plötzlich wieder ordentliche Zinsen bekommst, ganz ohne Risiko, warum solltest du dann dein Geld in eine schwankungsreiche, riskante Anlage wie Krypto stecken? Jeder Prozentpunkt Zins, den du risikolos woanders bekommst, macht das Risiko bei Bitcoin unattraktiver. Geld ist wie Wasser, es fließt dorthin, wo die Bedingungen am besten sind. Steigen die risikolosen Zinsen, fließt Kapital aus den riskanten Anlagen ab, zurück in die Sicherheit. Und genau deshalb fällt Bitcoin, wenn eine gute Wirtschaftsnachricht die Erwartung höherer Zinsen befeuert. Die gute Nachricht für die Realwirtschaft ist eine schlechte Nachricht für riskante Anlagen.
Dieses auf den ersten Blick so verrückte Prinzip hat an der Börse sogar einen eigenen, sprichwörtlichen Namen: „Good news is bad news“, gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten. Es beschreibt exakt jene Phasen, in denen die Märkte nicht auf den Zustand der Wirtschaft selbst reagieren, sondern ausschließlich darauf, was dieser Zustand für die künftige Politik der Notenbank bedeutet. Ein starker Arbeitsmarktbericht ist dann kein Grund zur Freude, sondern eine Drohung: die Drohung, dass das billige Geld noch länger ausbleibt. Und weil die Märkte immer in die Zukunft schauen und Erwartungen handeln, reagieren sie auf diese Drohung sofort, oft schon Minuten nach der Veröffentlichung der Zahlen.
Eine Warnung gehört hier allerdings dazu, sonst wird aus einer Erklärung ein Rezept, und als Rezept taugt das Ganze nicht: Diese Kopplung gilt nicht immer, sie gilt phasenweise. Es gibt Zeiten, in denen gute Zahlen ganz normal gute Zahlen sind und die Kurse einfach steigen. Ob gerade die eine oder die andere Phase herrscht, hängt davon ab, worüber der Markt sich im Moment am meisten den Kopf zerbricht — mal ist es die Inflation, mal die Furcht vor einer Rezession, mal etwas ganz anderes. Und weil Märkte Erwartungen handeln, ist ohnehin nicht die Zahl selbst entscheidend, sondern der Abstand zu dem, was man erwartet hatte. Wer sich das Muster als feste Regel merkt und danach handelt, wird sich zuverlässig irren. Wer es als eine mögliche Erklärung unter mehreren im Kopf hat, versteht deutlich mehr von dem, was er sieht.
Wenn die Märkte auf eine scheinbar gute Nachricht verkehrt reagieren, liegt die Erklärung meist nicht in der Nachricht, sondern bei der Notenbank. Was bedeutet sie für den Preis des Geldes?