Hast du dich schon einmal gefragt, warum an den Finanzmärkten eigentlich nie so etwas wie Ruhe einkehrt? Warum die Stimmung fast immer entweder in himmelhoch jauchzender Euphorie oder in zu Tode betrübter Panik verharrt, aber nur ganz selten in einem entspannten, vernünftigen Dazwischen? Die Antwort liefert ein einfaches Bild, das jeder aus dem Physikunterricht kennt: das Pendel. An die Börse gebracht hat es der amerikanische Investor Howard Marks, der seit über dreißig Jahren damit erklärt, warum Märkte sich so benehmen, wie sie sich benehmen. Und wer dieses Bild einmal verinnerlicht hat, versteht die Launen des Marktes und, was noch wichtiger ist, die eigenen, sehr viel besser.
Ein Pendel hat eine entscheidende Eigenschaft: Es hängt niemals ruhig in der Mitte. Es ist ständig in Bewegung und schwingt von einem Extrem zum anderen. Genau so verhält sich die Stimmung an den Märkten. Auf der einen Seite steht die grenzenlose Gier, jene Phase, in der alle unbedingt dabei sein wollen, in der die Kurse zu steigen scheinen, nur weil sie steigen, und in der die Angst, etwas zu verpassen, jede Vorsicht überstimmt. Auf der anderen Seite steht die blanke Angst, jener Moment, in dem alle nur noch raus wollen, in dem jede schlechte Nachricht das Ende der Welt zu bedeuten scheint und die Kurse fallen, nur weil sie fallen. Und das Pendel schwingt unaufhörlich zwischen diesen beiden Polen hin und her.
Jetzt kommt der Teil, der wehtut, weil er mit unserer eigenen Psychologie zu tun hat. Man sollte meinen, die Menschen kaufen, wenn es billig ist, und verkaufen, wenn es teuer ist. In Wahrheit tun die meisten das genaue Gegenteil, und das Pendel erklärt, warum. Am äußersten Punkt der Gier, wenn der Kurs seinen Höhepunkt erreicht hat, fühlt sich Kaufen am allersichersten an. Alle reden davon, alle scheinen zu gewinnen, die Stimmung ist grandios. Genau dort aber ist es am teuersten und am gefährlichsten. Und umgekehrt: Am tiefsten Punkt der Angst, wenn alles zusammenzubrechen scheint, fühlt sich Verkaufen am vernünftigsten an, obwohl es der denkbar schlechteste Moment dafür ist. Der faire, vernünftige Preis, die goldene Mitte, ist eben kein Ort, an dem das Pendel zur Ruhe kommt. Es ist nur ein kurzer Punkt, durch den es auf dem Weg von einem Extrem zum nächsten hindurchrauscht.
Daraus folgt die vielleicht bekannteste Weisheit der Börse, die der legendäre Investor Warren Buffett in einen einzigen Satz gegossen hat: Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind. Das klingt einfach, ist aber unfassbar schwer, denn es verlangt von dir, exakt gegen dein eigenes Bauchgefühl zu handeln. Dein Gefühl schreit am lautesten „kaufen“ am Höhepunkt der Euphorie und am lautesten „verkaufen“ am Tiefpunkt der Panik, also immer zum falschen Zeitpunkt. Ein Vorbehalt gehört allerdings dazu, sonst wird aus der Weisheit ein teurer Irrtum: Das gilt für den Markt als Ganzes, nicht für jeden einzelnen Wert darin. Manches fällt, weil es zu Recht fällt, und wer dort in die Angst hineinkauft, greift nicht nach einem Schnäppchen, sondern nach einer Leiche. Das ist der Survivorship Bias in seiner teuersten Form. Die Regel taugt als Haltung, nicht als Kaufsignal. Wer sie auf eine einzelne Position anwendet, hat sie falsch verstanden.
Niemand kann das Pendel überlisten und den perfekten Wendepunkt erwischen, das ist unmöglich und darum geht es auch gar nicht. Es geht um etwas Wertvolleres: Wer das Pendel aus Angst und Gier kennt, kann sein eigenes aufgewühltes Bauchgefühl an den Extrempunkten wenigstens durchschauen und einordnen, statt ihm blind zu folgen. Und das allein ist an der Börse schon die halbe Miete.